Aus der Geschichte des Carneval-Vereins Camberg

von Helmut Thuy

chronik_2Der Carneval-Verein zählt zu den ältesten Vereinen Bad Cambergs und des gesamten Bezirkes. Aus den Anfängen der Camberger Fastnacht sind folgende Überlieferungen erhalten:

Der Oberamtmann Freiherr B. M. von Schütz-Holzhausen schrieb im Jahr 1788 über „Sitte und Charakter der Einwohner des Amtes“ unter anderem: „Die Fastnachts-Gelage verzehrten mit allerlei Kurzweilen von Vermummten, Possen und Umschwärmern, mit Essen und Trinken und öffentlichen und Privatbelustigungen mehrere Tage und Nächte.“ Soweit von Schütz über die Zustände am Anfang des 17. Jahrhunderts. Bestimmt durch erzbischöflich geistliche Verordnungen verloren in späteren Jahren die „Fastnachtsgelage“ vieles.

chronik_3Am 1. Februar 1812 erging eine Strafandrohung von Oberamtmann Freiherr von Schütz selbst. Er drohte demjenigen 10 Gulden Strafe an, der an den Fastnachtstagen öffentlich mit einer Maske vor dem Gesicht angetroffen werde. Ersatzweise, wenn die 10 fl. nicht gezahlt werden können, drohte er eine entsprechende körperliche Züchtigung an. Gleichzeitig prangerte er an, dass sogar jüdische Handelsleute sich unterfangen, diese „Ware“ (Masken) öffentlich auszuhängen. Hierdurch werde zu Verschwendung und Unsittlichkeit Anlaß gegeben.

Aus dem Jahre 1776 sind organisierte Fastnachtsumzüge in Camberg bekannt, Tradition der berühmt gewordenen Camberger Großfastnachten. 1832 fand dann der Camberger Carneval seinen eindeutigen dokumentarischen Niederschlag: Der Bürger Heinrich Neuberger, Vorstandsmitglied der damaligen Carnevals-Gesellschaft Camberg, zeichnete die Darstellung „Wilhelm Tell“ aus dem Umzug des Jahres 1832 und ebenso die Gruppe „Ägyptischer Joseph“ aus dem Fastnachtsumzug des folgenden Jahres. Die Originale sind noch im Besitz der Familie Neuberger. Der heutige, seit 1890 so bezeichnete, Carneval-Verein Camberg (CVC) betrachtet darum das Jahr 1832 als sein Gründungsjahr.

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Wilhelm Tell, 1832

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Der egyptische Joseph, 1833

chronik_4Als um 1890 Camberg noch keine Straßennamen hatte, waren es die Fastnachter, die nicht locker ließen. Sie glossierten die Stadt als namensloses Labyrinth mit einem Wagen und hingen Schilder mit treffenden Formulierungen in die Straßen. Zum Beispiel bezeichneten sie die enge Verbindung zwischen Strackgasse und Guttenbergplatz als Metzgergasse. So begaben sich die Stadtväter endlich an die Straßenbenennung der Stadt.

In der Zeitung vom 27. Februar 1897 ist folgende Anzeige zu lesen:„Am rosenrothen Montag den 1. März Abends 7 Uhr 59 Minuten 71 Sekunden findet im „Nassauer Hof“ ein großer Maskenball statt. Eintritt mir Kappe 30 Pfennig. Tanzgeld eine Mark. Es ladet freundlichst ein: Das Comitee.“

Aus 29 Gruppen bestand der Zug im Jahre 1903. Die Chronik berichtet darüber: „Sämtliche Vereine von Camberg beteiligten sich am Umzug, es war eine der größten und schönsten Veranstaltungen, welche bis jetzt in Camberg ausgeführt wurden“. Dem Verein gehörten in dieser Zeit 126 Mitglieder an. 1. Vorsitzender war Theodor Dötzel, 1. Schriftführer Wilhelm Lottermann.

In den Jahren 1907 und 1911 folgten weitere Großfastnachten. Während der Zeit des 1. Weltkrieges ruhte mehr oder weniger die Vereinstätigkeit.

An den Samstagen vor Großfastnacht marschieren die Rekruten vom Bahnhof aus in Camberg ein, empfangen auf dem Marktplatz die Menage und werden in die Quartiere, sprich Lokalitäten, eingewiesen. Der Brauch entstand nach dem 1. Weltkrieg, wobei viele in ihren echten Uniformen gekleidet waren.

Belebt wird die Fastnacht seit den zwanziger Jahren durch die Geplänkel zwischen Altstadt „hibb de Bach“ und Streitburg „dribb de Bach“. Letztere hat ihren eigenen „Streitburg-Bürgermeister“, ihre eigene Fastnachtshymne und als Wahrzeichen den streitbaren Gickel. Der erste Streitburgbürgermeister hieß Josef Stumm.

Erst im Jahre 1930 konnte wieder eine Großfastnacht auf die Beine gestellt werden. Die Chronik berichtet:„Programmgemäß und ohne jegliche Störung ist der Rosenmontagszug verlaufen, bewundert und anerkannt von ungefähr 6000 fremden Gästen.“

Im Jahre 1932 wurden die heute noch vom Elferrat getragenen Ordensketten angeschafft.

1934 und 1938 fanden ebenfalls hervorragenden Großfastnachten statt, und im Jahre 1936 feierte man erstmals eine Kinderfastnacht mit Kinderprinz, bei der die vom Magistrat gewählte Cambergia und alle Traditionswagen und Gruppen von Kindern dargestellt wurden.

In den folgenden Jahren trat wieder, bedingt durch den 2. Weltkrieg, eine Pause ein. Danach kam die traditionsreiche Camberger Fastnacht wieder zur vollen Blüte und steigerte sich von Jahr zu Jahr.

Als Traditionswagen und –gruppen sind an erster Stelle natürlich der Prinzenwagen und die Prinzengarde Sr. Närr. Hoheit mit Major, Hauptmann, Marketenderinnen, Gardekorps und Attollerie zu nennen. Eine besondere Attraktion stellt das Salonboot dar, dessen Bau und Besatzung von der Turngemeinde stammt. Als Vertreterin der Stadt grüßt die vom Magistrat gewählte Cambergia mit ihrem Hofstaat von ihrem prächtig geschmückten Wagen. Von den Wagen des Gambrinus (Erfinder des Bierbrauens) und der Weingottheit Bacchus wird den Zuschauern eifrig zugeprostet. Die bunte lustige Zigeunergruppe sorgt mit Kind und Kegel, geführt von der Stammesmutter, für Stimmung. Der Herold mit Standarte führt seit Jahren den Zug an.

Andere traditionelle Wagen und Gruppen sind im Laufe der Zeit leider verschwunden: die Altweibermühle, der Aschermittwochswagen in Gestalt eines Katers und eines Herings, die Negergruppe und die Kläppergarde, bestehend aus Bad Camberger Buben mit Anzügen aus angenähten bunten Papierstreifen und mit Holzklappern bewaffnet.

Im 125. Vereinsjahr beschloss man, von der Narrhalla „Nassauer Hof“ mit einem Großteil der Veranstaltungen in die neu erbaute Turnhalle der Turngemeinde zu wechseln. Camberg stand Kopf unter dem Jubiläumsprinzen Hans I. von der Wasserkante.

Am 19. November 1957 stellte der Vorstand den Antrag auf Aufnahme in den Bund Deutscher Karneval. Erstmals fuhr im Jahre 1958 eine Delegation des Vereins zur Jahreshauptversammlung der Interessengemeinschaft Mittelrheinischer Karneval nach Nidda. Der CVC ist der älteste Karnevalverein der IG Mittelrhein, die mit ca. 200 Mitgliedsvereinen eine Spitzenstellung im Bund Deutscher Karneval einnimmt.

Die Generalversammlung des Carneval-Vereins beschloß am 11.11.1958 eine neue Vereinssatzung, und damit war der Weg geebnet zur Eintragung ins Vereinsregister, was am 15. Juni 1959 geschah.

Das 130. Stiftungsfest wurde wieder mit einer Großfastnacht gefeiert. Der Beginn war wie üblich der 11.11.1961. An diesem Tag wurder der Öffentlichkeit der neue Hausorden vorgestellt. Im Rahmen der vielfältigen Veranstaltungen wurde am 28. Januar 1962 zum ersten Mal eine Ringsitzung des Bezirks 6 in Camberg veranstaltet. Weitere Ring- und Fremdensitzungen sollten folgen.

Auf Initiative der damaligen Prinzessin Anni I. wurde 1963 erstmalig in Camberg Altweiberfastnacht gefeiert. Die alten Weibchen trafen sich vor „Bäcker-Antons“ und vorm „Metzger-Karl“ und schwirrten durch die Camberger Lokalitäten.

1968, 32 Jahre nach Hugo I., übernahm der 2. Kinderprinz Jürgen I. die Regentschaft.

Ab 1975 legte der CVC seine Maskenbälle und Kappensitzungen aus verständlichen Gründen ins neue Kur- und Bürgerhaus.

Einen Höhepunkt in der Geschichte des CVC bildete das 1982 begangene 150jährige Jubiläum unter Prinz Hermann-Josef I. Der Auftakt mit der Jahreshaupt- versammlung der Interessengemeinschaft Mittelrheinischer Karneval mit 300 Deligierten aus 70 Vereinen am 18. Oktober 1981 verlief glanzvoll. Hochkarätige Karnevalisten wie der Präsident des Bundes Deutscher Karneval, Heinz Wacker, und die Mainzer Karl Moerlé und Philipp Becker machten dem CVC ihre Aufwartung.

1986 formierte sich auch die „Närrische Altstadt“ und wählte den schlauen Fuchs als ihr Wappentier. Der erste Obersenator hieß Herbert „Habbi“ Falkenbach.

Am 30. März 1990 wurde die Satzung umgestellt und der CVC als 1. Carneval-Verein in Hessen beim Finanzamt Wiesbaden als gemeinnützig anerkannt.

Bei den Kappensitzungen 1994 kam Farbe in den Elferrat: Die traditionellen schwarzen Jacken wurden abgelegt und rote angezogen.

15 Großumzüge wurden von 1950 bis 2002 veranstaltet, deren Zugnummern sich von 37 auf über 120 erhöhte. Gleichzeitig wuchs auch die Zuschauerzahl bis auf etwa 20.000 an. Dass bei solch großen Veranstaltungen immer alles reibungslos und ohne nennenswerte Unfälle abgelaufen ist, ist nicht zuletzt ein Verdienst der Stadt, der Hilfsorganisationen, der umsichtigen Gruppen und Vereine und ganz besonders der Freiwilligen Feuerwehr. Die Mitgliederzahl im 170. Jubiläumsjahr beläuft sich auf stolze 415.

Wie in der Satzung festgehalten, ist die Aufgabe des Carneval-Vereins die Förderung des bodenständigen heimatlichen Carnevalbrauchtums in geselliger Form und durch geeignete Veranstaltungen. Er betrachtet es als eine gemeinnützige Aufgabe, den Carneval als überliefertes Brauchtum von kulturhistorischer Bedeutung zu pflegen. Wie sich die Vorstandsmitglieder stets für diesen Vereinszweck eingesetzt haben, geht aus einer Abschrift aus der Zeit des ersten bekannten Präsidenten Philipp Wenz (bis 1900) hervor:

Camberg, 16. Januar 1893.

„Wie wir aus sicherer Quelle erfahren, hat der hiesige Carnevalverein einstimmig beschlossen, am Fastnachts-Montag einen großen Carnevalszug zu veranstalten. Da sich auch bei der letzten Versammlung ein närr. Prinz meldete, so konnte zu den Gruppenbildungen übergegangen werden. Den jungen Verein, welcher bestrebt ist, während der Faschingszeit den Bewohnern Cambergs etwas Schönes und Angenehmes bieten zu wollen, möge man doch in jeder Weise unterstützen, ganz besonders empfiehlt es sich, wenn auch ältere Leute, die auch früher stets einen Zug verschönern haben helfen, sich diesmal recht rege daran beteiligen und ihr Möglichstes zur Verherrlichung dazu beitragen werden. Zum Schlusse wünscht auch dem parteilosen Verein ein volles Gedeihen zu seinem schwierigen Unternehmen ein Freund der Faschingsheit“.

Quelle:Verein Historisches Camberg e.V.
Beiträge zur Geschichte der Stadt Bad Camberg
Nr. 35 – Oktober 2002

Veröffentlicht auf der Homepage des CVC
www.carneval-verein-camberg.de
Anlässlich des 175jährigen Vereinsjubiläums im Jahr 2007 wurde die Vereins-Chronik überarbeitet und ergänzt.
Sie kann hier im pdf-Format heruntergeladen werden.

Interessantes über die Camberger Fastnacht hat Dr. Peter Schmidt in mühevoller Kleinarbeit zusammengetragen, wofür sich der CVC recht herzlich bedankt.
Die Geschichte kann hier heruntergeladen werden.